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Prokrastination

Morgens 06:30 Uhr, der Wecker klingelt. Da es Sommer ist, komme ich verhältnismäßig gut aus dem Bett. Das Essen für die Arbeit (heute kein Homeoffice) ist schnell zubereitet, währenddessen ist auch schon der Kaffee fertig. Ich liege gut in der Zeit, gönne mir noch einen zweiten Kaffee, lese sinnlose Onlineartikel und räume auf, was am Vortag liegengeblieben ist, weil ich ja so gut in der Zeit liege. Upps, ich liege wohl doch nicht mehr so gut in der Zeit, war noch nicht im Bad und der Kaffee für die Fahrt wollte doch auch noch gebrüht werden. HILFE! Trödeln kann ich!

Die nächste Hausarbeit steht an, 8 Wochen Bearbeitungszeit, easy! Ganz gemütlich sammle ich Quellen, erstelle eine erste grobe Gliederung, mache mich an die theoretischen Grundlagen. Läuft! Jetzt wird sich der Hauptteil ja eh von selbst schreiben, hat er ja schon früher immer gemacht. Nicht. Egal, jetzt muss ich mich erstmal wichtigeren Dingen widmen: Das gesamte Internet lesen, Pi auswendig lernen, Serien suchten, mich bei 35 Grad über Wintermäntel informieren, Textmarker farbig sortieren und überhaupt. Wie? Abgabe in 8 Stunden und nicht mehr in 8 Wochen?!

Ist der rote Faden erkennbar? Vielleicht kann es ja auch eine Form des Minimalismus‘ sein, auf hausgemachten Stress zu verzichten?

Einfach mal raus

In der letzten Woche habe ich mir selbst wieder einmal vor Augen geführt, wie einfach ich mich selbst zufriedenstellen kann. Und zwar mit einem Wanderurlaub. Sechs Tage lang einfach mal wieder raus aus dem Alltag, weg von Sorgen und persönlichen Baustellen.

Erholsam, das ist für mich wenn ich überlegen muss, welcher Wochentag heute ist. Oder wenn ich das Zeitgefühl über den Tag verliere. Wenn ich mich auf meine Sinne konzentrieren kann. Regen im Wald, Sonnenschein und tolle Aussichten. Schmerzende Füße am Abend, aber zufrieden und angenehm müde.

Schon schmiede ich gedanklich Pläne, zum Beispiel für eine Fernwanderung. Denn alles was man benötigt, passt locker in einen Rucksack.

Der Weg ist das Ziel.

Reduktion – Purer Luxus?

Würde man einem Vertreter der Kriegsgeneration erklären, dass man sich nach weniger sehnt und gerne in seinem Leben in verschiedenen Bereichen reduzieren würde, dürfte es vermutlich nicht lange dauern bis ein Satz in der Art von “Dir geht es zu gut” fallen würde. Und diesen könnte ich der Person noch nicht einmal übelnehmen.

Im Grunde genommen ist der Wunsch nach Vereinfachung für mich die Folge einer bestimmten Entwicklung in der Gesellschaft. Nämlich der scheinbar allgegenwärtigen Auffassung, dass immer mehr automatisch auch immer besser ist. “Dir geht es zu gut” impliziert das doch eigentlich auch. Viel ist gleich gut.

Dennoch ist an dem Satz etwas wahres. Der Wunsch nach Vereinfachung und Reduktion kann doch eigentlich nur dann entstehen, wenn das eigene Leben zuvor zu kompliziert oder “zu viel” war. Zu viel, das kann verschiedenes bedeuten. Zu viele Verpflichtungen, zu viel ungenutzter Besitz, zu viele Ablenkungen. Oder zu wenig: Zu wenig Zeit, zu wenig Freiraum usw.

Für einen meiner Freunde, der gerade arbeitslos ist, ist es das sicher nicht. Er sehnt sich weniger nach Reduktion, eher nach Be- und Auslastung, nach finanziellem Spielraum und Möglichkeiten des Konsums.

Also ist die Reduktion doch Luxus? Für mich definitiv, denn ich verzichte nicht weil ich verzichten muss, sondern weil ich es möchte. Allein die Erkenntnis, dass es nicht viel braucht, um glücklich und zufrieden zu sein, ist für mich Luxus pur.

Fokussierung statt Multitasking

Das berühmte Multitasking ist allgegenwärtig, sowohl im privaten, als auch im beruflichen Umfeld. In Gewissen Maße ist das sicher auch möglich. Aber kann man wirklich zwei zusammenhanglose, Konzentration erfordernde Dinge gleichzeitig erledigen? Meiner Meinung nach nicht. Man kann nur ständig hin und her wechseln.

Zum Beispiel kann ich meinem Gegenüber während einem Telefonat nicht folgen und sinnvolle Antworten geben, während ich einen Text formuliere. Oder in einer belebten Verkehrssituation inmitten der Innenstadt auf alle Gegebenheiten achten, während ich meinem Beifahrer vom Urlaub erzähle und auf seine Fragen antworte. Und wenn ich es doch einmal versuche, empfinde ich es nach kurzer Zeit als sehr anstrengend.

Im Studium und auch später im Berufsleben habe ich immer versucht, meine Arbeitsbedingungen soweit möglich an meine Bedürfnisse und Eigenheiten anzupassen. Dazu zählen bei mir vor allem Ruhe und wenig Ablenkung. Auf einem sonst leeren Schreibtisch fällt es mir leichter, mich auf das Blatt oder auch auf den Bildschirm vor mir zu fokussieren. Wenn es mir leichter fällt, mich auf ein Blatt zu fokussieren, welches nicht von Büchern, anderen Blättern, dem ständig leuchten Smartphone und so weiter umbaut ist, dann ist das in anderen Bereichen meines Alltags doch bestimmt auch so, dachte ich.

Und ja, in den “fertig ausgemisteten” Bereichen meines Alltags erlebe ich genau diesen Effekt. Ich räume bildlich gesprochen immer öfter den Tisch um das Blatt Papier frei, so dass ich mich auf das eigentlich Wesentliche fokussieren kann.

Weniger ist mehr. Und hat manchmal auch mehr Stil

Es ist noch gar nicht allzu lange her, da machte ich viele technische Neuerungen mit. Weil sie eben neu waren. Eine der für mich lehrreichsten Erfahrungen ist, beziehungsweise war, meine Smartwatch. Ich habe über zehn Jahre lang keine Armbanduhr getragen, denn schließlich habe ich immer mein Smartphone in der Tasche. Ich wollte selbiges aber nun nicht jedes Mal aus der Tasche holen müssen. Also schaffte ich mir eine Smartwatch an. Diese bot wahnsinnig viele, scheinbar sinnvolle und spannende Funktionen. Wieviele Schritte ich am Tag gehe, wie lange ich wie gut schlafe, wie meine Pulswerte in Ruhe- und Bewegungsphasen verlaufen. Eine Vorschau auf die E-Mail oder Nachricht, just in dem Moment, in dem sie auf dem Smartphone eingeht. Erinnerungen an Termine, das Wetter, Steuerung von Musik und Navigation. Und noch vieles mehr.

Nach nur wenigen Tagen, schaltete ich die Benachrichtigungen bei Eintreffen neuer Nachrichten auf der Smartwatch aus. Die Eskalation am Handgelenk, v.a. wenn es in einem Gruppenchat etwas hochfrequenter zuging, das nervte schnell. Außerdem wollte ich doch mein Handy seltener hervorholen. Nach der dritten Zusammenfassung meiner wöchentlichen Schritte und Aktivitäten stellte ich auch diese Funktion ab. Und ob ich zu wenig oder schlecht geschlafen habe, merke ich in der Regel selbst. Zu guter Letzt war ich vom ständig notwendigen Aufladen genervt. Dann erinnerte ich mich an einen Ausspruch, der Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben wird:

“Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann”
Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944)

Heute trage ich eine Automatikuhr. Sie zieht sich mittels Schwungrad selbst auf, wenn sie getragen wird.

Meine Regal-Baustelle

Gedanken à la “Ich sollte mal wieder ausmisten oder “es hat sich wieder einiges angesammelt” verursachen gerade Unzufriedenheit in mir. Denn ich habe nach einer Zeit der doch recht konsequenten Umsetzung meiner materiellen Vorsätze (und einer spürbaren Erleichterung) wieder nachgelassen.

Die Tatsache, dass ich wie in einem meiner letzten Posts beschrieben in den letzten Wochen sehr wenig Geld ausgegeben und praktisch keine neuen Dinge angeschafft habe, dient mir als Motivation, dieses Thema wieder anzugehen. Gerade im letzten Jahr habe ich sehr viel verkauft, verschenkt und entsorgt. Und dennoch: Mein Regal ist wieder voll.

Da sind wieder Zeitschriften, die ich mir spontan am Bahnhof gekauft habe. Bücher, die ich gelesen habe und nicht noch einmal lesen werde. Papiere, die nicht mehr benötigt werden, Verpackungen und so weiter. Ich besitze tatsächlich nur ein einziges, 80cm breites Regal, in dem ich alles verstauen möchte, was keine Kleidung ist. Leider bleibt es aktuell beim guten Willen, denn alles passt nicht hinein.

Also werde ich beim Ausmisten meines Regals darüber nachdenken, warum es mir scheinbar schwer fällt, den schon einmal erreichten Zustand einzuhalten. Denn wirklich vermisst habe ich damals nichts, im Gegenteil. Es hatte etwas befreiendes an sich. Und es ist sehr zufriedenstellend gewesen, mit einem Handgriff zu haben, was man gesucht hat. Weil man eben nicht mehr suchen, und auch nichts mehr zur Seite räumen musste.

Liberal minimal?

Herzlich Willkommen auf liberal-minimal.de!

Auf diesem Blog geht es nicht um Politik. Im Gegenteil, es geht vielmehr um das Individuum, als um das Gemeinwesen. Es geht um das, was wir, die Autoren dieses Blogs, unter liberalem Minimalismus verstehen.

Der Duden definiert liberal als „dem Einzelnen wenige Einschränkungen auferlegend, die Selbstverantwortung des Individuums unterstützend; freiheitlich“[1]. Dieser Blog soll nicht bekehren, belehren oder einen bestimmten Lebensweg als den Richtigen benennen.

Die Autoren dieses Blogs begannen aus unterschiedlichen Gründen, sich mit den Themen Reduktion und Minimalismus zu befassen. Jeder setzt dabei andere Schwerpunkte, hat andere Motive und Ziele. An unseren Wegen, den Gedanken und der jeweiligen persönlichen Entwicklung möchten wir euch teilhaben lassen. Stets in der Hoffnung, euch bei dem ein oder anderen Thema einen sinnvollen Impuls für euren eigenen, liberalen und minimalistischen Weg liefern zu können.


[1] „liberal“ auf Duden online. URL: https://www.duden.de/node/151086/revision/151122

 (Abrufdatum: 26.04.2020)