Virtueller Bücherwurm

Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag von Jeannine Klar, Sternzeichen Leseratte.

Wer gerne liest, weiß, wie schwer es ist, in seinem Bücherregal Minimalismus zu leben. Es muss immer neuer Stoff her. Und dieser Stoff braucht Platz. Zuerst in einem Bücherregal; bei mir dann irgendwann dort zweireihig stehend – und obenauf liegend, natürlich. Dann kommt der Tag, an dem ein Bücherregal nicht mehr genügt. Ein zweites muss her. Ach, was schreibe ich, eine eigene Bibliothek wäre toll! Aber leider kann sich nicht jeder Bücherwurm eine eigene kleine Privatbibliothek leisten. Meist mangelt es schlicht an Platz oder einem geeigneten Raum.

An dem Punkt, an dem mein in jeder Lücke befülltes Bücherregal kurz vor dem Umkippen stand, stellte sich die – damals für mich als eingefleischter Papierbücherleser schrecklich seelenlos klingende – Frage: Wäre ein e-Book-Reader eine Alternative? Ein einziges Gerät, das all meine Bücher vereint und gleichzeitig fast keinen physikalischen Platz wegnimmt. Das große platzfressende Bücherregal könnte weg, ich hätte nur noch ein materielles „Buch“, dessen Speicher groß genug ist, alle Geschichten zu vereinen, in die ich so gerne eintauche.

Obwohl ich mir anfangs nicht vorstellen konnte, wie es sein sollte, ohne den Geruch der Bücher, den Papierseiten zwischen meinen Fingern und dem mich erschreckenden (eigenen) Schatten auf den zu lesenden Zeilen, entschied ich mich nach langem Hin und Her dafür, dem digitalen Buch eine Chance zu geben. Nach nun mittlerweile jahrelangem Lesen auf einem e-Book-Reader, muss ich zugeben, dass dieser wirklich viele Vorteile bietet. Mein kleiner Reader ist fast immer in meiner Handtasche zu finden und so werden lange Fahrten oder Wartezeiten nie langweilig; auch die Lichtverhältnisse sind egal. Fast alles kann dem optimalen Lesevergnügen angepasst werden.

Aber hat sich mein Bücherregal minimiert oder ist es gar verschwunden? Nein, denn noch immer stehen dort zum einen die gebundenen Bücher, die man einfach nicht hergeben kann, weil sie zu schön sind oder zu teuer waren, die Bücher aus vergangenen Zeiten, deren Geschichten man einfach nicht missen möchte und natürlich das eine oder andere (geschenkte) Papierbuch, das gelesen werden will. Auch werde ich natürlich regelmäßig in Buchläden weiterhin schwach…

Zusätzlich hat sich nun aber auch mein digitaler Speicher mehr als gefüllt. Speicherplatz scheint unendlich zu sein und so wird jeder noch so miserable oder unnötige Bücherkauf, die vielen angefangenen, aber nie zu Ende gelesenen Bücher, Leseproben etc. gesammelt. Und gesammelt. Und gesammelt. Nun muss ich feststellen, dass ich meinem Ziel, nur noch wenige Bücher, die mir aber wirklich Freude bereiten und bereitet haben, und die ich mit wehenden Fahnen und schwärmerischen Worten gerne verleihe (oder gar nochmals kaufe, um sie zu verschenken), zu besitzen, nicht wirklich näher gekommen bin.

Mein e-Book-Reader ist keine minimalistische Antwort auf zu viele Meter einzelner Bücher. Er versteckt in einem minimalistischen Gewand einen riesigen Berg ungelesener Seiten. Warum meinen e-Book-Reader nicht einfach leerräumen und das nun zweite überquellende, lediglich virtuelle Bücherregal löschen? Aus demselben Grund wie beim ersten Regal, weil man Bücher nicht einfach wegschmeißt? Zeit für einen Selbstversuch!

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